Musik und Kunst einst und jetzt

Die Geschichte des Menschen und seiner Musik und Kunst ist alt. Sie hat eine Vergangenheit, die Jahrtausende in die Zeiten der Urvölker zurückreicht, und sie hat eine Gegenwart, die in der Massengesellschaft des postindustriellen Zeitalters zu Hause ist. Dass sich über die Zeit hinweg sehr viel verändert hat, versteht sich von selbst, denn von den einstigen Höhlenzeichnungen und Gesängen zu den heutigen Projekten zeitgenössischer Kunst und Musik ist der Weg weit. Auch haben sich mit der Technisierung die Möglichkeiten, musikalische oder künstlerische Werke zu schaffen, grundlegend verändert.

Komplexität

Musik und Kunst spiegeln die Komplexität heutigen Lebens wider. Künstlerinnen und Künstler, Musiker und Musikerinnen suchen nach neuen Wegen des Verstehens und Ausdrucks. Sie differenzieren Töne, Harmonien, Takte und Rhythmen und diversifizieren bis zur Atonalität. Zudem setzen sie dies alles in Variationen zueinander in Bezug. Sie erschaffen auch Farben und Formen sowie die Gestaltung von Raum, Fläche und Objekt auf vielfältige Arten und Weisen neu, sodass Auge und Ohr heute anders wahrnehmen und verstehen können. Sie bedienen sich auch anderer Materialien und Arbeitswerkzeuge.

Zwei Gattungen

Bildende Kunst, oft im alltäglichen Gebrauch auch Kunst genannt, sowie Musik sind neben der darstellenden Kunst und der Literatur zwei von vier heutigen Kunstgattungen des Oberbegriffs Kunst. Während sich als Genres der bildenden Kunst vor allem Malerei und Grafik, Fotografie, Videokunst, Bildhauerei, Architektur, aber auch Kunsthandwerk verstehen lassen, gehören zur Musik die Komposition, Interpretation, Vokal- und Instrumentalmusik. Kunst wird, wenn sie als bildende Kunst verstanden wird, in Ausstellungen oder online präsentiert. Musik bietet sich heute in Konzerten und einer Vielzahl moderner Tonträger an. Hinzu kommt, dass das Internet für beide Gattungen eine internationale Plattform der Präsentation und Auseinandersetzung, aber auch des Verkaufs und Kaufs darstellt. Dabei spielen Film und Video für Werbe- und Vertriebsmöglichkeiten von Kunst und Musik, aber auch zur Bildung eine bedeutende Rolle.

Öffentlichkeit im Kleinen wie im Großen

Die Vervielfältigung ist aus der bildenden Kunst und Musik nicht mehr wegzudenken. So können durch Drucke, Poster und Fotografien die Werke aus den jeweiligen Genres multipliziert und im Internet einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Dies folgt zum Teil kommerziellen, zum Teil aber auch sozialen Interessen, sodass Werbung und Bildung vertreten sein können. Fotos von Ausstellungen geben beispielsweise Eindrücke von künstlerischen Werken in Museen oder Galerien irgendwo auf der Erde wieder, und Videos zeigen vollständige Aufführungen aus Konzertsälen weltweit. Auf der anderen Seite können Galerien auf ihren Webseiten im Internet die Fotografien, Grafik, Malerei und Objekte der Kunstschaffenden zum Verkauf anbieten und Orchester, Bands, Solistinnen und Solisten sowie Musikgruppen mit eigenen Homepages ihre Musikvideos zeigen, um beispielsweise zum Verkauf von Alben oder Konzerttickets einzuladen. Musik und Kunst richten sich also heute an eine Öffentlichkeit, die im Freundeskreis oder auch weltweit, im Kleinen wie im Großen, verstanden werden kann.

Ein großes internationales Musikprojekt aus Leipzig

Man kann Musik der heutigen Zeit als modern, avantgardistisch oder neu bezeichnen – für das Forum Zeitgenössischer Musik Leipzig, FZML, sind die jeweiligen Benennungen kein Problem, denn es vereint diese Strömungen unter dem Begriff zeitgenössische Musik. Dabei geht es dem Verein um Werke und Projekte, die sich in einem Zeitrahmen des 20. und 21. Jahrhunderts bewegen und damit aus Sicht musikalischer Geschichtsschreibung zu verstehen sind.

Ein Mammut-Projekt

Die Aktivitäten des FZML haben sich seit der Gründung im November 1990 nicht nur verändert, sondern auch erweitert und internationalisiert. Was anfangs noch der Förderung von zeitgenössischer Musik in Leipzig und Region diente, hat heute einen anderen Stellenwert und strahlt weltweit aus. Das ursprüngliche Ziel der Vereinsarbeit war, zeitgenössische Musik zu verbreiten und den Dialog über Musik und Kunst zu unterstützen. Aus dem damaligen lokal-regional ausgerichteten Konzept wurden eine von Leipzig aus organisierte einjährige internationale Großveranstaltung und ein Mammut-Projekt: das Festival ‚CAGE100’. Die Uraufführung fand am 17. Oktober 2013 im New Yorker Miller Theatre unter der Leitung von Richard Carrick und mit dem Ensemble ‚Either/Or’ statt. Weitere Projektaufführungen gingen während eines Jahres um die Welt, in über dreißig Länder und auf vier Kontinente.

FZML suchte dabei neue Ansätze und realisierte eine Idee des US-amerikanischen Komponisten und Künstlers John Cage. Er hatte bereits in den 1940er-Jahren während einer Party das Konzept für eine Gemeinschafts-Komposition entworfen. Entsprechend hieß das Projekt des FZML ‚Party Pieces’. 125 der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten und Komponistinnen beteiligten sich an dessen Entstehung. Die Teilnehmenden kamen während des Projektzeitraums nicht nur aus Deutschland und den USA, sondern auch aus Japan, Russland, Polen, Frankreich und Kanada. Sie arbeiteten entweder in Deutschland oder den USA an dieser Gemeinschafts-Komposition.

Arbeit in fünf Takten oder einer Minute

Das FZML stellte vier Dramaturgen, die ein Konzept für die 125 Komponistinnen und Komponisten ausarbeiteten. Da John Cage sich seinerzeit mit Zufallsverfahren beschäftigte, wurde die Reihenfolge, in welcher die Teilnehmenden ihre kompositorische Arbeit aufnahmen, über das chinesische I-Ging-Münzorakel festgelegt. Den Komponisten und Komponistinnen wurde jeweils eine Sequenz von fünf Takten oder einer Minute in Auftrag gegeben, und sie hatten den letzten Takt nach vier Tagen Arbeit an den nächsten oder die nächste zu übergeben. Strukturell ging es bei dieser kollektiven Leistung auch darum, neben der ästhetischen auch eine kulturelle Multi-Perspektivität zu eröffnen.

Die europäische Erstaufführung war am 20. Januar 2016 in Leipzig, und das ‚ensemble work in progress’ spielte unter Leitung von Gerhard Müller-Goldboom. Das Werk wird heute noch als die größte Gemeinschaftskomposition der abendländischen Musikgeschichte bezeichnet.

Die documenta Kassel – der Rahmen für Gegenwartskunst

Jenseits der historisch verstandenen Kunst als Teil der bildenden Kunst fokussieren Interessierte heute auch auf die zeitgenössische Kunst. Sie wird gemeinhin als Gegenwartskunst verstanden, innerhalb derer die Werke von Kunstproduzierenden der Gegenwart von Kunstrezipientinnen und -rezipienten derselben Zeit verstanden und als bedeutend eingestuft werden.

International eine der bedeutendsten Messen

Wie wichtig die zeitgenössische Kunst heute ist, wird am Beispiel der documenta Kassel deutlich. Diese alle fünf Jahre stattfindende Ausstellung ist international als eine der bedeutendsten Messen für zeitgenössische Kunst zu verstehen. Zwar war ihre erste Ausstellung im Jahr 1955 für ihren Initiator, den Kasseler Kunstprofessor und Designer Arnold Bode, die Möglichkeit, die während der NS-Zeit als ‚Entartete Kunst’ verbannte Abstrakte Kunst in die Öffentlichkeit zu bringen. Doch wurde die documenta in den Folgejahren und bis heute der Gegenwartskunst gewidmet. Die präsentierten Werke waren anfangs aus Europa und sind heute auch aus Amerika, Afrika und Asien.

Steigendes Interesse an zeitgenössischer Kunst

Das Interesse an der Gegenwartskunst steigt und die Kunstausstellung dokumenta gewinnt an Bedeutung. Im Jahr 2017 zeichnete Adam Szymczyk, seines Zeichens polnischer Kunstkritiker und Kurator, für die documenta 14 verantwortlich und ließ sie zum ersten Mal an den beiden Standorten Kassel und Athen stattfinden. Die Ausstellerinnen und Aussteller waren eingeladen, ihre Werke sowohl hier als dort zu zeigen. Letztlich fanden sich insgesamt über eine Million Besucherinnen und Besucher ein. Dabei durchlief diese internationale Ausstellung zeitgenössischer Kunst auch in diesen Wochen, übrigens wie seit ihrem Bestehen, immer wieder Höhen und Tiefen. Sie fand zwar zunehmend internationale Anerkennung, hatte jedoch auch Skandale, sorgte für Zweifel und erntete Kritik. Dies war 2017 nicht anders, denn der zweite Standort Athen sorgte für Diskussion – auch, weil er Kosten verursachte, die mit einem Defizit zu Buche schlugen.